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Sonntag, 7. November 2010

Hajj - Die Reise der Herzen



von Muhammad Alshareef

Arafat – 10 Jahre nach der Hijra. Der Mann stand beim Gesandten Allahs (sal Allahu alayhi wa sallam) als er plötzlich vom Kamel fiel. Das Kamel stampfte und das Genick des Mannes war gebrochen. Tod!

„Wascht seinen Körper mit Wasser und Lotuspflanzen und begrabt ihn mitsamt seiner Kleidungsstücke“
, sagte Allahs Gesandter (sal Allahu alayhi wa sallam).

„Bedeckt weder seinen Kopf noch berührt ihn mit Kampfer, denn wahrlich, er wird am Tage der Auferstehung im Zustand der Talbiyah zu Allah zurückkehren!“ (Labbayk Allahaahumma labbayk)”
Buchari und Muslim

Amr Ibn Al `Aas berichtete: Als der Islam mein Herz erfüllte, kam ich zum Propheten und sagte: „ Gib mir deine Hand, damit ich dir den Treue - Eid schwören kann.“ Als er seine rechte Hand ausstreckte, hielt ich meine Hand zurück. Er fragte: „Was ist los, Amr?“ Ich erwiderte: „Ich will eine Bedingung stellen.“ Er fragte: „Was für eine Bedingung?“ Ich antwortete: „Dass mir meine bisherigen Missetaten vergeben werden.“ Er sagte: „Weißt du nicht, dass der Islam alles vernichtet, was vorher war, dass die Hijrah alles vernichtet, was vorher war und dass die Hajj alles vernichtet, was vorher war?“ [Buchari und Muslim]

Die Höchste Belohnung! Rasul Allah – sal Allahu alayhie wa sallam – sagte: „ Für einen angenommenen Hajj gibt es keine geringere Belohnung als Jannah (Das Paradies).“

Was ist der erste Vers, welchen du in Surah „Al-Hajj“ liest? Es handelt nicht von Arafat, noch spricht es über die Pflichten am Opfertag. Es besagt einfach:

O ihr Menschen, fürchtet euren Herren. Gewiss, das Beben der Stunde ist eine gewaltige Sache. An dem Tag, da ihr es seht, wird jede Stillende (aus Entsetzen) übersehen, was sie (soeben) gestillt, und jede Schwangere wird mit dem niederkommen, was sie trägt. Und du siehst die Menschen trunken, obwohl sie nicht betrunken sind; aber die Strafe Allahs ist streng [QS. 22:1-2]

Die Hajj ist keine Reise, die zur Erholung des Körpers gedacht ist, wie z.B. wenn man eine Reise zu einem Urlaubsort oder einer Touristenattraktion macht. Es ist vielmehr eine Reise der Seele und des Herzens.

Wenn man genauer auf die Verse achtet, die von der Hajj handeln, bemerkt man, dass ein Vers nach dem anderen entweder mit der Aufforderung endet, sich über Allahs Präsenz bewusst zu sein, oder mit einer Erinnerung an Allahs freigiebige Großzügigkeit, die Er uns erweist, oder es wird eine Verbindung zwischen der Hajj und dem letzten Tag hergestellt.

Das Ziel

Vor nicht allzu langer Zeit musste angemessene Verpflegung für eine Reise vorbereitet werden. Das Durchqueren der Wüsten war hart und die Hitze machte einem zu schaffen. Unbarmherzig. Es gab keine Tankstellen, an denen man sich mit Chips oder Getränken versorgen konnte. Genauso gab es keine Zwischenstopps, während denen man Wasser von Fontänen hätte trinken können. Tatsächlich sah man weit und breit keine Menschenseele. Den Weg zu verlieren, bedeutete, sein Leben zu verlieren!

Somit musste man seine Verpflegung beisammen haben, bevor man sich auf die Reise machte. Ausreichend Nahrung, ausreichend Wasser, ausreichend von allem, was man benötigte, um an sein Ziel zu gelangen.

Durch die Verse bezüglich der Hajj, in welcher jeder Mann bzw. jede Frau eine Art Reise unternehmen muss, um die Ka`bah zu erreichen, hat Allah die Aufmerksamkeit seiner Diener auf eine andere Reise gelenkt. Eine Reise, die jede Seele unternehmen muss, ob sie sich dessen bewusst ist oder nicht. Allah lenkt ihre Aufmerksamkeit auf die bevorstehende Reise ins Jenseits; ins Paradies oder ins Höllenfeuer.

„Und versorgt euch mit Reisevorrat, doch der beste Vorrat ist Taqwa (die Gottesfurcht)“
 [QS. 2:197]

Am dem Tag als Buhaym Al-`Ajlee und sein Gefährte sich auf die Hajj vorbereiteten, lies er seine Blicke schweifen in die endlos erscheinende Wüste, die sie beide erwartete und fing daraufhin an zu weinen, sodass sein Hemd von seinen Tränen ganz nass wurde. „Das ist etwas“, sagte Buhaym, „wodurch ich die Reise begreife, die ich mit Gewissheit eines Tages zu Allah antreten werde!“

Der Versorger

Es gibt Diskussionen darüber, ob jemand, der den Hajj verrichtet Hajji genannt werden sollte. Es ist schließlich etwas, was man nicht in der Sunnah finden kann. Vielmehr hat es einen interessanten Hintergrund in unserer kulturellen Geschichte.

Wenn jemand in früheren Zeiten sich dazu entschloss Hajj zu machen, dann war es gleichzeitig ein Synonym dafür, dass sich dieser jemand von der diesseitigen Welt verabschiedete. Die Erklärung dafür lag in den heimtückischen Hindernissen, die eine Reise durch die Wüste mit sich brachte. Krankheiten, Hunger und viele andere Schwierigkeiten mussten in Betracht gezogen werden.

Es war nicht ungewöhnlich, wenn ein gesamtes Dorf zusammenkam, um den reisenden Personen Lebewohl zu sagen, da sie davon ausgingen, die jeweiligen Personen nicht mehr lebend wieder zu sehen.

Falls jemand eine so beachtliche Reise macht und doch lebend wiederkommt, würde dieser sein Leben der Anbetung und dem Gehorsam Allah gegenüber widmen. Verschwinden würde das Betrügen, das Lügen oder die verpassten Gebete. Er war nun ein Hajji.

Heutzutage, mit all den verschiedenen Arten und Möglichkeiten Hajj zu verrichten, wie z.B. mit Flugzeugen, Schiffen oder Autos, ist der Stellenwert des Wortes Hajji bei weitem nicht mehr derselbe. Manche mögen es bedauern, dass die Hotelbetten zu klein sind oder dass die Klimaanlage ein Tick zu laut ist.

Aber wer ist es, liebe Brüder und Schwestern, der uns mit all den Segnungen, mit denen wir leben, versorgt hat? Es ist derselbe Allah, der uns hier in den Steppen Arafats getestet hat.

„ Es ist kein Vergehen von euch, wenn ihr nach der Gunst eures Herrn (durch Handelsgewinn) strebt. Und wenn ihr von Arafat herbeieilt, dann gedenkt Allahs bei Al Mash’ari-l Haram (Muzdalifa). Und gedenkt Seiner, wie Er euch recht geleitet hat, obwohl ihr wahrscheinlich vordem unter jenen wart, die irregingen.“ [QS. 2:198]

Allhamdulillah. Wahrlich, die größte Segnung, die Allah uns beschert hat, ist der Islam! Und der Islam alleine genügt uns als Gunst.

Allah weiß, dass wir während der Hajj teilweise durch viel Sand verschmutzt werden – Allah weiß es! Also seid nicht überrascht, wenn der Sand über euch kommt. Sucht vielmehr Zuflucht bei Allah und setzt euch zur Wehr, indem ihr Geduld habt und euch Allah dankbar zeigt.

„Hierauf sollen sie ihre Ungepflegtheit beenden, ihr Gelübde erfüllen und den Umlauf um das altehrwürdige Haus vollziehen.“ [QS. 22:29]

Ibn Al-Qayyim schrieb eine Lobpreisung über die Reise der Herzens. Es folgt ein kurzer Auszug aus dem Arabischen:
„Er sagt, meine Sklaven besuchen Mich aus Liebe zu Mir (bei der Hajj),
Und Ich bin barmherzig, großzügig und liebevoll zu ihnen,
frohe Botschaft den Teilnehmern (der Hajj), die auf dem Berge Arafat stehen,
Ein Moment, an dem Allah alle Sünden verzeiht und sie in seine Barmherzigkeit eintauchen lässt“


Abu Huraira berichtete:“ Ich hörte den Propheten sagen: „Wer zu diesem Haus (der Ka`bah) kommt und nichts Anstößiges redet und tut, wird zurückkehren, als ob seine Mutter ihn (eben erst) geboren hätte.“

Das Herz in Form bringen

Als vor vielen Jahren die Pilger durch das Tal der Muzdalifah (ein Ort bei Makka) wanderten, schrie ein Mann:“ Schau dir die vielen Pilger an!“ Der weise Mann antwortete, “Nee, die Wanderer sind zahlreich, die Pilger aber wenige!“

Ich hörte einst die Geschichte eines Mannes, der mit der Möglichkeit gesegnet war, regelmäßig an der Karawane zur Hajj teilzunehmen. Allerdings hatte er das Manko, nie seinen Ärger bzw. seinen Zorn während der Hajj zu beherrschen. Des Öfteren beschimpfte er die anderen.

Eine Person jedoch machte ihm den Vorschlag: Anstatt andere Muslime während der Hajj zu beschimpfen, sollte er all seine negativen Kommentare auf einem Stück Papier aufschreiben, es zusammenfalten und immer, wenn er wütend wurde auf einen Anderen, sollte er ihm dieses Blatt geben. Auf den Briefumschlag sollte er schreiben: „Nicht öffnen bis zum Ende der Hajj.“ Der Mann war einverstanden.

Bei seinen folgenden kritischen Situationen, bändigte er seine Wut und gab dem Anderen mit einem Lächeln den vorbereiteten Brief.

Das Konzept wirkte, bis zu dem Tag, an dem er zur Jamarat ging. Auf dem Weg dorthin trat ihm jemand auf die Füße. Er verlor absolut die Kontrolle. Die Zähne zusammenbeißend und knurrend ging er auf den Mann zu, holte den Briefumschlag raus und schlug ihm diesen auf den Kopf.

Während der Hajj habe ich Leute gesehen, die in diesen geprüften Zeiten Geduld und Belohnung von Allah erhaschen wollen, wie ein Mann, der etwas für sich aushandeln will. Ich habe mich gefragt, was der Unterschied zwischen diesen Leuten und denjenigen ist, die ihren Atem für Kritik und Streit verschwenden? Schließlich begriff ich, dass es nicht die Körper von Zayd und Amr` waren, deren Zeuge ich wurde, sondern die Herzen von Zayd und Amr`!

Einige Leute kommen finanziell vorbereitet zur Hajj. Andere wiederum kommen mit einem vorbereiteten Herzen – das ist das Wesentliche! Entweder zerschleift uns der Schleifstein zu Staub oder er poliert uns auf. Das liegt ganz daran, woraus wir gemacht sind.

Nun – Wie bereitet man sein Herz richtig vor?

Erstens. Nehmt an Unterrichtseinheiten und Workshops teil, die den Hajj behandeln.

Der Hajj ist eines der Säulen, worauf der Islam errichtet worden ist. Wenn jemand sich dazu entschließt, diesen Ritus zu vollziehen, ist es Voraussetzung für ihn, dass er dieses auch ordentlich lernt! Rasul Allah (sal Allahu alayhi wa sallam) sagte: „ Das Streben nach Wissen ist Pflicht für jeden Muslim!“

Imam Buchari schreibt in seiner Sahee: „ Wissen kommt vor der Rede und der Handlung.“ Anschließend zitiert er den Vers von Allah:
„ Wisse also, dass es keinen Gott gibt außer Allah. Und bitte um Vergebung für deine Sünden!“ [QS. 47:19]

Zweitens. Verrichte das Gebet und das Gebet in der Nacht (Qiam ul Lail)

Als Rasul Allah (sal Allahu alayhi wa sallam) sein Herz darauf vorbereitete, diese Religion zu verbreiten, befahl ihm Allah, für seine Vorbereitung die Gebete in der Nacht zu verrichten. Allah ta`ala sagt:
„O du eingehüllter, steh (zum Gebet) die (ganze) Nacht auf – bis auf einen kleinen Teil.“
[QS. 73:1-2]

Ein Student übernachtete einst in Imam Ahmads Haus rahimahullah (als dieser unterwegs war). Imam Ahmad hinterließ für ihn zuvor ein Gefäß mit Wasser. Als der Imam zur Fajr-Zeit zurückkam, fand er das Gefäß immer noch voll mit Wasser. Er war schockiert und dachte sich: „Wie kann eine Person ein Talib al-Ilm (ein Student der islamischen Wissenschaften) sein und nicht zum Qiam ul Lail aufstehen?!“

Einige Leute sagten zu Ibn Mas`ood (Möge Allah ihm barmherzig sein):“ Wir schaffen es nicht, nachts für das Qiam ul Lail aufzustehen!“ Er antwortete ihnen:“ Ihr entfernt euch davon durch eure Sünden!“

Drittens. Vergebung bei Allah suchen und Du`a

Es war während der Opferfeiertage, als Jibreel (alayhissalam) zu rasul Allah (sal Allahu alayhi wa sallam) mit folgenden Worten kam:
„Wenn Allahs Hilfe kommt und der Sieg und du die Menschen in Allahs Religion in Scharen eintreten siehst, dann lobpreise deinen Herren und bitte Ihn um Vergebung; Er ist wahrlich der, der die Reue annimmt.“ [QS. 110:1-3]

Dies war der Höhepunkt von 23 Jahren Dawah, Jihad und harter Arbeit. Hier war nun die Abschiedswallfahrt. Mit was schloss es ab? „dann lobpreise deinen Herren und bitte ihn um Vergebung!“

Subhanaak Allaahumma wa bihamdika, Allahuma ighfir – lana!
Alles Lob gebührt Dir, o Allah, und Dir danken wir; o Allah, vergib uns! Amin.

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